Mehr Mut am Rosengarten

 

Dieser Beitrag wirft aus der Sicht der Mobilität einen nüchternen, pragmatischen Blick auf das Projekt Rosengarten. Vorerst die Feststellung: Das Rosengartenprojekt ist kein Mobilitätsprojekt. Vielmehr ein Vorhaben zur Verkehrsberuhigung, eine Verkehrsumleitung.

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Eine Stadtstrasse wird auf einer Länge von 600 Metern vom Autoverkehr entlastet und die heutige Bedienung mit Trolleybussen durch Tramlinien ersetzt. Wenn die Chancen denn wirklich genutzt werden, könnte ein positiver Impact auf die Gestaltung und die Quartierentwicklung entstehen. Mögliche Negativeffekte: Fortschreitende Gentrifizierung und ein Festival der Spekulanten. Von den heute 56’000 Autos sollen 53’000 in einem 2,3 km langen Tunnel umgeleitet werden; 3000 Fahrzeuge würden nach wie vor durch die Rosengartenstrasse rollen; nach dem Willen des Kantonsrats mit Tempo 50. Beim Wipkingerplatz kommen dann alle umgeleiteten Autos durch ein grosses Tunnelportal wieder heraus, setzen die Fahrt auf der heute angestammten Route fort. Dafür sollen 1,1 Mia. Franken investiert werden.

Status Quo und alte Werte zementiert
Die Schlüsselzahl dieses Projektes ist, neben der stattlichen Summe von 1,1 Mia. Franken, die Menge von 56’000 Autos. Daran klammern sich Stadt- und Regierungsrat. Diese Menge soll nicht überschritten werden. Es werden aber auch keine Vorkehrungen getroffen, um sie zu reduzieren. Heisst im Klartext, die Mittel werden investiert, um den Status Quo (im wahrsten Sinne des Wortes) zu zementieren. Es keimt nicht die leiseste Ambition, die Möglichkeiten der Digitalisierung für die Gestaltung der Zukunft der städtischen Mobilität und für diese Aufgabenstellung zu nutzen. Dies um menschen- und umweltgerechtere Lösungen zu entwickeln. Trotz grossartiger Ziele wie 2000 Watt-Gesellschaft, Klimaziele, Smart City, Verkehrswende oder wie die Schlagworte alle heissen. Geleitet durch diese Ziele und Werte kann sich doch gerade der Zürcher Stadtrat nicht damit zufrieden geben, den Ist-Zustand festzuschreiben. Er müsste darauf pochen, Lösungen zu entwickeln, um die städtische Automenge ganz allgemein markant zu reduzieren. Mit der Realisierung dieses Projektes frisst sich der Verkehr noch mehr in den städtischen Raum. Zahlreiche Häuser und ein Teil eines Stadtparks müssen dem Verkehr weichen. Dabei muss es doch bei der Entwicklung künftiger Mobilitätslösungen immer darum gehen, urbaner Raum dem Verkehr zu entreissen und wieder für die Menschen verfügbar zu machen. Sogar die kühne Vision einer Tramtangente, welche ursprünglich den Norden, den Westen und den Süden der Stadt miteinander verbinden sollte, bleibt wortwörtlich auf der Strecke. Die jetzt geplanten Tramlinien biegen beim Albisriederplatz stramm Richtung Innenstadt und Altstetten ab. 

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Eine Aufgabenstellung des 21. Jahrhunderts wird mit der Mentalität des 20. Jahrhunderts und den Instrumenten des 19. Jahrhunderts angegangen.

Loslassen und Distanz gewinnen
Eigentlich ein absurdes Projekt: Eine Aufgabenstellung des 21. Jahrhunderts wird mit der Mentalität des 20. Jahrhunderts und den Instrumenten (Tunnel und Schiene/Beton und Eisen) des 19. Jahrhunderts angegangen. Es scheint, dass die Verantwortlichen aus Kanton und Stadt festgefahren sind, sich an die Lösungen und Instrumente aus dem 19. Jahrhundert klammern. Gefangen im Tunnelblick dieses Projekt jetzt durchziehen – koste es was es wolle. Es gäbe keinen Plan B, baut die kantonale Volkswirtschaftsdirektorin als Drohgebärde auf. Es mag beruhigend sein, wenn man genau weiss, aus welchem Fond und Kässeli die Finanzierung eines solchen Vorhabens realisiert wird. Dabei lastet der Fokus immer auf der Allgemeinheit, die Verursacher und Profiteure hingegen, bleiben beim Bezahlen aussen vor. Manchmal braucht es mehr Mut, vermeintlich tolle Lösungen nochmals zu hinterfragen. Loslassen, Distanz gewinnen und nach einer Denkpause mit den inzwischen innovativen, neuen Möglichkeiten neu entwickeln.Und Ehrlichkeit! Wenn argumentiert wird, man wolle die Anwohnerinnen und Anwohner vom Autoverkehr entlasten, muss man auch beifügen, dass ein grosser Teil der Menschen an der Rosengartenstrasse die steigenden Mietzinse nicht mehr wird bezahlen können – sich dann nach einer andern Bleibe umsehen muss. Zudem erfordert das Projekt den Abbruch zahlreicher Häuser. 

Vom Tunnelblick lösen und wieder breiter denken. Dieser Mut ist den Behörden von Kanton und Stadt Zürich zu wünschen. Dies trotz des deutlichen Entscheids, den der Kantonsrat noch in der alten Zusammensetzung (kurz vor seiner Auflösung) getroffen hat. #

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Heinz Vögeli