"Und jedem Aufbruch wohnt ein Zauber inne."

 

Dieses Zitat von Hermann Hesse passt perfekt in unsere heutige Zeit. Nährt aktuell die Themen Digitalisierung und Mobilität. 

 
 
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Selbsternannte Hohepriester ziehen durch die Lande und verkünden wortreich den Aufbruch in eine verheissungsvolle Zukunft. Kein Stein bleibe auf dem andern. Die Automobilindustrie bespielt das Narrativ der selbstfahrenden Autos, schadstofffrei, mit Elektroantrieb. Sogar einem Neuling im Autogeschäft gelingt es trotz Milliardenschulden immer wieder Investoren zu bezirzen. Beim Aufbruch wollen alle dabei sein. Sich am süssen Nektar seines Zaubers erlaben. Alle drängeln sich um einen Platz in der ersten Startreihe. Jeder will die andern mit noch kühneren Vorhersagen übertreffen. Selbst der CEO unserer nationalen Bahngesellschaft lässt keine Gelegenheit aus, uns Kunden und seine Mitarbeitenden auf die Mobilität der Zukunft einzuschwören. Auch wir Kunden unterliegen diesem Zauber des Aufbruchs, begeistern uns für dessen Verheissungen. Sehen uns durch grüne Quartiere flanieren, schadstofffrei in selbstfahrenden Vehikeln herumkutschieren, wann immer es uns gerade danach gelüstet. Und dies fast zum Nulltarif. Eigentlich sollten wir Menschen es doch besser wissen. Nur zu oft haben wir die Erfahrung gemacht, dass von der Ankündigung bis zum Ziel immer schwierige, anspruchsvolle Phasen zu bewältigen sind. Und doch unterliegen wir immer wieder der Hoffnung, dass der Zauber doch einmal nicht auf einem Trick beruhe, sondern mit wahrhaftiger Magie ausgestattet wäre. So geben wir uns dem Zauber und den Zauberern hin, dass es doch endlich einmal ohne grosse Anstrengungen und schmerzhafte Erfahrungen locker klappen müsste.

Autos mögen in Sekunden von Null auf Hundert kommen. Die grundsätzliche Veränderung der Mobilität dauert etwas länger.

Immer werden Zauberer nach einer gewissen Zeit entmystifiziert. Mögen sie Mark Z., Travis K., Elon M. oder Andreas M. heissen. Sie alle haben ihre Rolle gespielt, uns den Zauber des Aufbruchs vermittelt - und damit ihren Zweck erfüllt. Die Realität hat uns wieder. Autoschrauben rosten. Die Bahnsoftware hat Mühe dafür zu sorgen, dass auf jeder Lokomotive auch wirklich ein Lokomotivführer sitzt. Die Prestige-Elektrokarossen scheinen im Selbstfahrmodus nicht von den Fahrspuren, sondern mehr von den Verkehrstrennern magisch angezogen. Wir wissen nicht mehr, wer was mit unsern Daten anstellt. Auch kommen die zahlreichen, immer gross angekündigten Pilotversuche mit selbstfahrenden Kleinbussen eher unbeholfen daher. Nicht so elegant wie uns dies die animierten Zukunftsfilme der Autoindustrie vorgaukeln. Nichts desto trotz werte ich die Ernüchterung die Einzug hält als positives Zeichen. Wir sind in einer weiteren Phase der Zukunftsentwicklung angelangt. Die Phase der Effekthascher ist vorbei. Wir kommen in die Phase, wo echte Pioniere mit Hartnäckigkeit gefragt sind. Menschen mit Kreativität und Durchhaltevermögen, die die Ankündigungen weiterbringen, die Verheissungen umsetzen. Genau diese Menschen braucht es, dem Anspruch „make the world a better place“ gerecht zu werden. Autos mögen in Sekunden von Null auf Hundert kommen. Die grundsätzliche Veränderung unserer Mobilität dauert etwas länger. „Ein Baum, der fällt, verursacht mehr Krach, als ein Wald, der wächst“, sagt uns ein tibetisches Sprichwort. In diesem Sinne benötigen wir nicht Holzfäller, sondern Förster, die sich um den Wald kümmern. # 

 

 
 
 
Heinz Vögeli